Zynismus als politisches Stilmittel

Den politischen Diskurs beherrscht, wer die Hoheit über Begrifflichkeiten hat und somit die Richtung der Diskussion bestimmen kann. Besonders gut kann man das in Deutschland anhand der Debatte um die Kernenergie Atomkraft sehen: Während nach der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe in Japan vor zwei Jahren die ganze Welt von der Auslöschung ganzer Städte mit tausenden Tote geschockt waren, wurde in den deutschen Medien fast ausschließlich über das Reaktorunglück von Fukushima berichtet.

Die politischen Konsequenzen, die die Regierung daraus gezogen hat, sind bekannt und sollen nicht Gegenstand dieses Beitrags sein. Sehr wohl jedoch, wie sehr die Katastrophe auch zwei Jahre später noch als taktisches Wahlkampfinstrument taugt. So veröffentlichte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth gestern folgenden Beitrag auf Ihrer Facebook-Seite:

Claudia-Roth-Fukushima
Claudia Roth zu Fukushima

Man liest es und glaubt es kaum: Allen Ernstes behauptet Frau Roth, dass die rund 19.000 Menschen, die durch das verheerende Erbeben und die Flut umgekommen sind, in Wahrheit Opfer der “Kathastrophe von Fukushima” sind. Damit sich das Ganze auch wirklich in den Köpfen der Leser festsetzt, wird diese Behauptung mehrfach untermauert. Das Erdbeben und den Tsunami erwähnt Frau Roth folgerichtig nicht. Beide sind ihr egal.

Vollkommen zu Recht stieß diese Aussage auf massive Kritik (bislang wurde das Posting mehr als 1.800 mal kommentiert). Offensichtlich überrascht von der Heftigkeit der Reaktionen sah sich das “Team Roth” dazu genötigt sich zu entschuldigen:

Fadenscheinige Entschuldigung

 

Selbstverständlich wird auch in der Entschuldigung darauf geachtet, dass der Fokus weiterhin auf Fukushima gerichtet bleibt. Die Begründung mit der “Knappheit des Textes” ist so schwach, dass sie für sich selbst steht. Wieder einmal stellen sich Vertreter der Grünen auf ein hohes, moralisches Podest, von dem aus sie proklamieren, was zu tun ist. Leider steckt hinter der geheuchelten Betroffenheit nicht mehr als blanker Zynismus. Aber das ist bei Frau Roth ja nichts Neues.

Update: Auch Jürgen Trittin hast sich in ähnlicher Weise geäußert, wie die Welt berichtet.

Titelbild: CC Climate and Ecosystems Change Adaptation Research University Network

2 Gedanken zu „Zynismus als politisches Stilmittel“

  1. Die Begründung mit der „Knappheit des Textes“ ist nicht nur schwach, sondern ausgemachter Unfug. Facebook gibt einem mit 42.000 Zeichen genügend Platz, um so ziemlich alles detailliert zu erklären. Aber wenn man gar nichts im Detail erklären will, sondern Dinge für seine politischen Zwecke missbrauchen möchte – dann braucht man auch nur „knappe Texte“

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